Kurz entschlossen besuchten wir gestern die Körperwelten-Ausstellung des Gunther von Hagens im Berliner Postbahnhof, der dort den „Zyklus des Lebens“ in Plastinaten veranschaulichte. Der Entschluss fiel sehr spontan, auch wenn der Eintrittspreis von 17 Euro nicht gerade ein Schnäppchen ist. Dennoch wollte ich unbedingt mitreden können, wenn meine Freunde und Kollegen über die höchst umstrittenen Plastinate von Herrn Dr. Hagens berichteten.

Der stillgelegte Postbahnhof am Berliner Ostbahnhof ist eine leergeräumte Lagerhalle, die mit allerlei schwarzen Vorhängen verdunkelt worden ist. In U-Form läuft man durch diese Halle und wird so durch den gesamten Lebenszyklus geführt. Die ersten Plastinate sind Totgeburten in den unterschiedlichsten Schwangerschaftswochen. Die Plastinate sehen hier noch sehr nach Plastik aus. Kaum zu glauben, dass dies echte Lebewesen waren.

Doch bereits zu Beginn der Ausstellung wird man mit bestimmten Mißbildungen der Natur konfrontiert. Diese Kuriositätensammlung ist auch der Grund für mich, mit zweigeteilter Meinung aus der Austellung zu gehen. So sieht man neben den „normalen“ Totgeburten auch einen Wasserkopf, offene Wirbelsäulen und monsterartig aussehende Mißbildungen, die hinter Glas mit einem Halogenstrahler angeleuchtet werden.

Nachdem man den ersten kleinen Schock überwunden hat, hangelt man sich an vielen anderen Vitrinen entlang, die Fett- und Zystenlebern enthalten, den ausgerollten Darmtrakt zeigen und dem Zuschauer stark vergrößerte Herzen präsentieren. Kleine „Highlights“ sind dann die – ebenfalls in Vitrinen stehenden – Kunstplastinate. So steht ein Saxophonspieler neben dem Besucher, oder aber ein Stabhochspringer, eine Balkentänzerin oder ein Kutschfahrer. Wahlweise ist die Brust oder der Rücken aufgeklappt wie ein Buch, so dass man ungehinderte Sicht auf Muskeln, Nerven, Knochen und Knorpel haben kann.

Einer Besucherin, die nur wenige Meter von mir entfernt vor einem solchen Plastinat stand, hat dies dann auch nur schwer „verdauen“ können und hat sich für einige Sekunden ohnmächtig werden auf den Boden gelegt. Sofort waren routiniert aussehendes Wachpersonal zur Stelle, die die Frau mit ein paar gekonnten Griffen und einem kräftigen Schluck Wasser wieder auf die Beine halfen.

Das Wachpersonal schien dies also nicht zum ersten Mal zu machen.

Auch wenn ich mich tapfer schlug und ohne Umzufallen durch die Ausstellung kam, war mir streckenweise schon etwas mulmig im Bauch. Gut möglich, dass es auch an dem Geruch gelegen hat. Denn die Sonne schien fest auf den Postbahnhof, dessen Fenster mit schwarzem Stoff verhüllt waren. Innen drin staute sich die Wärme und zirklulierte überhaupt nicht. Auch roch es etwas nach Formalin und anderen Konservierungsstoffen. Kein Wunder also, dass einigen Besuchern mehr als nur flau im Magen war.

Ob am Ende der plastinierte Akt von Mann und Frau, schwebend in einer Vitrine, und auch noch hätte sein müssen, stelle ich mal massiv in Frage. Auch die Sammlung an Abnormitäten gehört meiner Meinung nach nicht vor ein Massenpublikum, sondern ehrer in meine medizinische Sammlung. So umstritten die Ausstellung aber auch ist, sie hält dem Besucher massiv vor Augen, wie filigran, sensibel und verletzbar der eigene Körper ist. Ohne schockierend und streckenweise eckelig zu sein, gerät ein solcher Besuch schnell in Vergessenheit. Ich glaube Gunther von Hagens will mit seinen teils skurilen Plastinaten erreichen, dass seine Ausstellung und die Quintessens des Ganzen im Kopf der Leute bleibt und nicht in Vergessenheit gerät.