Der nasse Sand unter meinen Füßen fühlt sich gut an. Ich hätte nicht gedacht, dass man am Morgen so locker über den Strand in Santa Monica joggen kann, und das ganze sogar Spaß macht. Jan überredete mich, den Tag erneut sportlich zu starten. Alle Skepsis, ob man an einem Stand joggen kann, war verflogen, als ich die Wellen sah, die salzige Meeresluft roch und die Möwen sah, die ihre Kreise entlang des Ufers drehten.

Wir waren nicht die einzigen, die am 23.05.2011 entlang des Santa Monica Strandes joggten. Ab und zu trafen wir auf uns unbekannte Jogger. Die Hoffnung, an einer der schönsten Strände Los Angeles noch einen Prominenten zu treffen, verflog so schnell, dass, während wir von Rettungsschwimmerhäuschen zu Rettungsschwimmerhäuschen liefen, nichts mehr davon übrig blieb.

Dieser Morgen in Los Angeles sollte unser letzter Tag werden. Google Maps zeigte uns auf dem Weg zurück nach Phoenix einen großen Salzsee, dessen Salzgehalt weit über dem des Meeres lag. Entlang des Ufers fand Google einige Thermen, so dass wir einen Zwischenstopp an einer Wellness-Therme in der Wüste Kaliforniens einplanten, ehe wir an der letzten Station unserer Reise – Phoenix – ankommen würden.

Nach einer erfrischend kalten Dusche im Motel, checkten Jan und ich aus. Nach einem kurzen IHOP-Frühstück in Los Angeles fuhren wir entlang der endlos erscheinenden Interstate 10 zurück. Unser Zwischenziel war Salton Sea.

In Salton Sea angekommen, waren wir von der Ödnis der Gegend komplett überrascht. Trostlosigkeit, endlose Steppe mit nur vereinzelten und teilweise vertrockneten Sträuchern zierten den Straßenrand und ganz weit weg, fast schon hinter dem Horizont lagen Berge. Auf den Straßen abseits des Highways waren wir schon fast allein unterwegs. Jedes Auto, das wir überholten oder von dem wir überholt worden sind, wurde eingehend beobachtet: Wer saß da drin? Wo wollen die wohl hin? Was sollten die Hunde auf der Laderampe des Pickup?

Unser geplantes Motel lag in mitten dieser Ödnis etwa einen Kilometer vom Ufer des Salton Sea entfernt. Die provisorische Rezeption war von einem Inder besetzt, der wohl gerade etwas mit Curry gegessen haben musste, denn in dem winzigen Verschlag, in dem eine Klimaanlage gegen die Hitze und ein Ventilator gegen den Gestank ankämpften, roch es wie in einem indischen Lieferservice.

Schnell beschlossen wir, weiterzufahren. Wir entdeckten einen Nationalpark in etwa 100 Kilometer Entfernung. Da uns unser Reiseführer auch hier Tipps für die Unterkunft gab, fuhren wir nun vollends allein in der Wildnis auf einen Nationalpark zu, in dem wir übernachten wollten. Dort angekommen, erlebten wir – bei schon fast untergehender Sonne – unsere zweite Überraschung: Der Ort war nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Häusern entlang der einzigen Straße der Gegend. Hinter uns fuhr der Sheriff, der wohl jedes Auto, das keinem Einwohner gehörte, eingehend überprüfte.

Ich fragte mich, wer hier wohl lebte. Darauf hatte Jan eine fast schon zitierte Antwort: “Zurückgeblieben sind die, die nicht fliehen konnten.”

Nach einem Angus Beef Burger im einzigen Diner der Stadt, in dem sich die Zurückgebliebenen versammelten, entschlossen wir uns für eine Fahrt direkt an Phoenix. Uns war zwar klar, dass wir Phoenix nicht vor 1 Uhr nachts erreichen würden, dennoch kam uns alles besser vor, als die Nacht in einer gottverlassenen Gegend am Ende der Welt auf einem schäbigen Bett zu verbringen und auf den Anbruch des nächsten Tages zu warten.

Der Weg durch das nächtliche Amerika auf einer der vielen Highways ist ziemlich einsam und monoton. Es gibt nur noch wenige PKW auf den Straßen. Dafür jedoch fahren in den USA die LKW auch bei Nacht. Da man trotz der leeren Autobahn an das recht harte Geschwindigkeitslimit von nur 110 km/h gebunden ist, gleitet man in seinem Auto entlang der Autobahnen immer in Richtung seines Ziels. Mit Blick auf den Horizont, wo die Markierungen zu einem Punkt zusammenflossen, dachte ich: So muss es sein, endlos unterwegs zu sein.