Mit ein paar Wetterinformationen von John, der uns garantiert, dass die Sonne wieder über Irland scheinen wird, verlassen wir Dingle und begeben uns auf den Weg nach Doolin, eine wirklich kleine Stadt in der Nähe der schroffsten Felsen Irlands, die Cliffs of Moher.

Nach einer kurzen Fahrt auf einer Fähre, die uns 100 Kilometer Umweg über das Festland spart, erreichen wir unsere Bed&Breakfast-Unterkunft um die Mittagszeit. Das Haus, in dem wir während der nächsten Tage wohnen werden, steht in mitten einer riesigen brachliegenden Wiesenlandschaft, über die der Wind stärker weht als an einem Herbsttag an der Nordsee. Die Zimmer sind schön, aber nicht schön genug, um uns im Haus zu halten. Doch so öde und langweilig die Umgebung auch ist: Die Bed&Breakfast-Unterkunft liegt in unmittelbarer Nähe zu den Cliffs of Moher.

Von der Straße aus kann man die Cliffs nicht sehen, also bleibt uns nichts anderes übrig, als den Schildern zu folgen, um schließlich auf einem Parkplatz für Touristen zu landen: Eine Touristenfalle! Hier bezahlt jedes Fahrzeug pro Person 4 Euro. Ein vollbesetztes Auto zahlt also gut und gern 16 Euro für einen Schotterparkplatz, der zu nichts berechtigt. Von Lorraine, unserer guten Seele in der Bed&Breakfast-Unterkunft werden wir erfahren, dass es die beste Lösung ist, wenn die Beifahrer kurz vor dem Parkplatz aussteigen, und der Fahrer so nur 4 Euro Parkgebühr zahlen muss. Am ersten Tag in Doolin fallen wir auf diese Falle hinein.

Nach einem kurzen Marsch über betonierte Wege gelangen wir jedoch schnell zu einer halbrunden Stelle, die die Cliffs of Moher während der letzten Jahrtausende geformt haben. Gehwege schlängeln sich links und rechts des Parkplatzzugangs entlang. Ein bisschen erinnert mich dies an die Besichtigung der Südkante des Grand Canyons vor zwei Jahren.

Der Wind bläst uns kräftig um die Ohren, und zum ersten Mal setze ich die hellgelb leuchtende Mütze auf, die ich mir vor einigen Tagen in Dublin kaufte.

Leider ist das Wetter sehr trüb, so dass wir fast alle unsere Kamera in den Taschen behalten. Doch dann beschließt Christian, ein bisschen rumzulaufen, und ich gehe mit. Nach etwa einem halben Kilometer endet der betonierte Touristenweg. Hinweisschilder machen uns darauf aufmerksam, dass wir das nachfolgende Gelände auf eigene Gefahr betreten. Eine Telefonnummer für Selbstmörder ist ebenfalls überall zu lesen. Kurz denken wir darüber nach, wie viele Menschen sich pro Jahr die 300 Meter hohen Felsen hinunterstürzen. Den Gedanken versuchen wir, wegzuschieben.

Wir sind vorsichtig, überschreiten die Absperrung und laufen an der Kante der Cliffs of Moher entlang. Ein oder zwei Meter weiter beginnt der Abgrund. Doch – nur für den Fall, man rutscht aus – unten, im Abgrund, peitschen die Wellen gegen die Felsen und bohren sich ins Gestein. Uns beiden ist klar: Wer hier runterfällt, ist weg. Der wird von den Wellen zermahlen.

Und doch fühlen wir uns frei! Die kalte Luft bläst uns um die Nase. Das Gras ist so unbeschreiblich grün, und das Meer so tiefblau. Schon fast unecht, wird das auf uns. Wahrscheinlich ist genau DAS Irland.

Da das Wetter sich für den Rest des Tages nicht verbessert, steuern wir noch eine Touristenattraktion an, die wir auf einer Postkarte in einem Supermarkt gesehen hatten: The Burren. Hier sind mehrere Felsen übereinander geschichtet. Dieses hausähnliche Gebilde steht mitten auf einer von der Eiszeit stammendenden schroffen Platte, die von Wasserrinnen durchzogen ist. (Wie ich das so aufschreibe, scheint diese Attraktion besonders spannend zu sein. Doch leider ist sie das nicht.) An der Touristenattraktion angekommen, sind wir herb enttäuscht von dem, was sich da vor uns aufbaut. “Die übereinander geschichteten Steine sehen aus wie ein prähistorisches Scheißhaus”, sagt einer der Teilnehmer. Er bringt es ziemlich genau auf den Punkt. Und nachdem die Drohne eine Ehrenrunde über die Sehenswürdigkeit gedreht hat, reisen wir hab.