Ganz ehrlich: Mir lief es gerade eiskalt den Rücken runter, als ich mir die Videos ansah, die ich in der Nacht des 1.7. 2013 gemacht habe. Nicht weil etwas Schlimmes passiert ist, sondern weil ich einen richtig guten Sänger mitten in Dublin erlebt habe.

Doch immer der Reihe nach.

Nach einer fast 10-stündigen Fahrt von Doolin aus erreichen wir Dublin. Erneut checken wir in dem Bed&Breakfast-Hotel ein, in dem unsere Reise durch Irland vor acht Tagen startete. Diesmal habe ich ein ziemlich mieses Zimmer, und ich bin froh, dass wir uns dazu entschließen, in ein irisches Pub zu gehen, um dort ein Guinness, Ale, Cider oder Bier zu trinken. Wir planen eine irische Nacht, mit irischen Getränken und irischer Musik.

Unser Abend startet in der Temple Bar. Für deutsche Verhältnisse heben wir gegen 20 Uhr zum ersten Mal die Gläser. Christian und ich trinken einen Tullamore D.E.W. Unglaubliche 5,70 Euro zahlen wir für 2cl. “Egal.”, denken wir. So oft kommen Nächte wie diese nicht vor. Die Temple Bar hat eine Bühne. Auf ihr sitzt ein Vater mit seinem Sohn. Beide machen Musik, singen, zupfen, hauen in die Tasten oder schmettern die Saiten einer Gitarre. Um uns herum ist Stimmung. Echte Iren sind jedoch weit weg. Dies ist eine Touristenbar.

Andreas bestellt eine original irische Käseplatte, etwas, das wir schon viel früher hätten machen sollen. Unglaublich lecker ist dieser Käse und zergeht mir teilweise auf der Zunge, wie Butter in einer heißen Pfanne. (Ein echter irischer Geheimtipp, wenn ihr mich fragt!)

Still, leise und aufmerksam schauen wir zu, wie ein junger Mann und seine Tanzparnerin vor uns den Irish Dance tanzen. Mit metallbeschlagenen Sohlen hüpfen sie vor uns auf und ab wie Michael Fladley von Riverdance. Mit spielerischer Leichtigkeit werfen beide ihre Beine in die Luft. Ich erinnere mich daran, dass ich vor Jahren zuhause versuchte, die Füße mit eben solcher Leichtigkeit in die Luft zu werfen. Doch ich kann mich noch gut daran erinnern, wie hölzern und ungelenk ich dabei aussah, und wie unglaublich anstrengend mir dies vorkam. Die beiden, die da jedoch vor uns stehen, können den Irish Dance, und in der sonst so lauten Temple Bar mitten in Dublin wird es plötzlich ruhig:

Im Anschluss an die Live-Aufführung werden kostenlose Würstchen herumgereicht. Fast allen schmecken die Würstchen. Nur Matthias‘ Magen dreht sich beinahe um, so dass er die zerkauten Würstchen auf der Toilette entsorgen muss – leider nicht in der Toilette, denn die war geschlossen.

Während Matthias frische Luft schnappt, unterhalte ich mich mit einem irischen Ordnungshüter, der mit seiner Frau aus Nordirland zusammen ist. Tagtäglich pendelt sie, die “was mit Medien macht”, über die irisch-nordirische Grenze. Ich frage sie, ob Nordirland wirklich so unsicher ist, wie die amerikanischen Actionfilme dies vermitteln wollen. Sie sagt mir, dass die Menschen in Nordirland grundsätzlich sehr vorsichtig gewordene Menschen sind, dass die militanten Gruppierungen seit mehreren Jahren jedoch ruhig sind, und sie sich im Grunde sicher in Nordirland fühlt.

Ich bin froh, als mich Matthias aus dem Gespräch fischt, um mich in eine Bar direkt neben der Temple Bar zu begleiten. Und in dieser Bar treffen wir auf Stephen Cooper.

Er steht da, mit seiner Gitarre in den Händen und dem Mikrofon vor dem Mund. Er schwitzt, hat sein Hemd weit aufgeknöpft und singt. Er trifft jeden Ton, spielt gefühlvoll und kraftvoll zugleich. Er steht nicht nur da, sondern er spürt, dass seine Musik gut im Publikum ankommt. Er, der Musiker, und das Publikum, wir, haben unseren Spaß. Er beim Spielen, wir beim Zuhören. Rhythmisch haut er in die Saiten seiner Gitarre und bringt so die Stimmung zum kochen. Die Stimmung in dieser Bar, in der nur Iren sind, ist fantastisch. Wir fühlen uns “mitten drin”. Wir stehen in der ersten Reihe. Unser Bier in der Hand. Kurz vor Mitternacht. Wir wissen, die Sperrstunde kommt bald.

Wenn in Irland das letzte Bier ausgeschänkt wird, beginnen die meisten Partys in Berlin erst. Doch Berlin ist, auch nachdem das letzte Lied gespielt ist, ganz weit weg. Wir bedanken und bei Stephen für die tolle Musik, den perfekten Abend. Wir liegen und mit Blicken in den Armen, weil wir wissen, dass dieser Abend ein ganz großartiger Abend gewesen ist. Er war komplett ungeplant, wurde immer besser und endete schließlich mit dem Konzert eines richtigen Talents.

Andreas, der einzig Nüchterne von uns, fährt uns schließlich im 7-Sitzer zurück zur Bed&Breakfast-Unterkunft. Und auch da war die Kamera dabei:

Gute Nacht.