Ich stehe vor dem Ceviche, einer Tapazbar in Downtown Orlando. Hier bin ich mich ein paar Menschen verabredet, die mir mehr über das schwule Leben in Orlando erzählen möchten. Mit von der Partie sind Mikael (CEO von Converge Orlando), Ron (CEO der Theatervereinigung von Florida) mit seinem Mann Andrew und Nayte, Mitglied der LBGT-Gemeinde von Orlando.

Für mich sind die Jobbezeichnungen jedoch fast in Vergessenheit geraten, als wir auf einen netten Abend anstoßen und nach einem kurzen Kennenlernen buchstäblich über “Gott und die Welt” sprechen. Natürlich geht es um die Politik von Florida, darum, dass man in Florida noch immer nicht heiraten kann, sich Ron und Andrew jedoch vorgenommen haben, die ersten zu sein, sollten die Gesetze geändert werden. Mikael, der Amerikaner mit europäischen Wurzeln und dem Freund in Dubai, erzählt eifrig davon, wie er die schwul-lesbische Gemeinde in Orlando zusammenzählt und ist stolz auf eine CSD-Beteiligung von 150.000 Demonstrierenden. Eifrig unterhielten wir uns aber auch über Botox und Schönheits-OP’s. Aber ich verrate nicht, wer in dieser Runde sich bereits dieses Nervengift unter die Haut gespritzt hat! Auch ging es um den Manager von N’SYNC, der wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis sitzt, dem jedoch das Ceviche mal gehörte, als er noch auf freiem Fuß war.

Von Mikael erfahre ich mehr zur Abendplanung: Ich werde nach einem kurzen Abstecher in den Club “The Abbey” mit Nayte eine weitere Location in Orlando besuchen, in der sich an einem heißen Freitagabend eine Menge Leute treffen werden. Ich nicke höflich und schaue mir Nayte nun genauer an, der der einzige in meinem Alter zu sein scheint, bisher aber der Ruhigste ist. Durchtrainiert, blaue Augen, weißes Hemd, Dreitage-Bart und eine markante Uhr am Handgelenk. “Nicht schlecht.”, denke ich.

 The Abbey ist eine multifunktionale Party-Location von Ron, dem CEO der Theatervereinigung von Florida. Welche Veranstaltungen in diesen Räumen stattfinden, richtet sich immer stark nach der Nachfrage und den jeweils aktuellen Nachfragen. Jedoch unterstützt Ron mit dieser Location vor allem die Nachwuchskünstler der Theaterbranche und schwul-lesbische Veranstaltungen. Der riesige Raum, der jedoch gut aufgeteilt ist, besitzt im hinteren Teil eine stylishe Bar. “Wir sind eingeladen.”, sagt Ron noch und schnallt uns eines dieser Party-Plastikbändchen ums Handgelenk, ehe ich widersprechen kann.

Für die 80iger-Jahre-Party, die auf der Bühne bereits in vollem Gange ist, bin ich noch viel zu nüchtern. Da ich jedoch fahren muss, nippe ich an einer Cola, denn ich möchte nicht, dass mich eine US-Polizeistreife mitten in der Nacht in Orlando aufgabelt und mir auch nur einem einzigen Tropfen Alkohol im Blut nachweisen kann. Das hält Nayte jedoch nicht davon ab, mir einen Wodka-Energy zu bestellen, den ich jedoch wieder zurückgehen lasse.

Dennoch fahre ich in Nayte’s BMW mit, als wir uns auf den Weg in The Brink machen. “Lange habe ich nach einem Auto wie diesem gesucht.”, sagt er mir, während wir an einer der vielen Ampeln stehen. “Das glaube ich Dir sofort!”, antworte ich schnell, als ich auf die Schaltung blicke: Handschalter sind in den USA wahnsinnig selten.

Im “The Brink” angekommen, wird mir erneut ein Bändchen um den Arm gelegt. “Danke, Nayte.”, denke ich. Doch die wummernden Bässe um mich herum lenken mich schnell von den Formalitäten ab. 3 Tanzflächen gibt es hier, eine davon ist außerhalb unter dem freien Himmel. Der DJ steht auf dem Dach und blickt auf den offenen Hinterhof hinunter, um zu sehen, wie seine Musik ankommt. Die Jungs hier sind zwischen 20 und 40 Jahre alt und sind aufgrund des noch immer hitzigen Wetters (31 Grad, Nachts um 0:30 Uhr) fast ausschließlich mit Tanktops bekleidet. Braun gebrannt sind sie auch noch. “Das ist das Wetter.”, stelle ich mit etwas neidischem Blick fest.

Nayte kennt viele Menschen auf der Party im “The Brink”. Allen werde ich vorgestellt. Freundlich lächelnd tausche ich mit Duzenden den Namen mit einem festen Händedruck aus. Irgendwann rieseln die Namen schneller aus meinem Kopf als der Händedruck gelöst ist. Ich merke die neugierigen Blicke der Schwulen aus Orlando, die hier aber genauso schüchtern sind wie bei uns in Deutschland auch.

Gogo’s heizen der Masse zu genau der Musik ein, die auch in den Clubs in Berlin läuft. Eine interessante Erkenntnis für mich, dachte ich doch bisher, dass der Musikgeschmack stark länderabhängig ist. Die Schwulen in den USA haben aber den gleichen Musikgeschmack wie wir. Sehr beruhigend. Die Dollarjagd der Gogo’s hält sich übrigens auch stark in Grenzen. “Die Gogo’s werden hier zentral bezahlt.”, informiert mit Nayte. Daher ist der Drang nicht so hoch, ihnen etwas zustecken zu wollen.

Getanzt wird in Orlando scheinbar nicht so intensiv wie in Deutschland. Selbst nachts um halb drei sind nur wenige zu sehen, die wirklich tanzen. Die allermeisten unterhalten sich mit Freunden oder Fremden, schauen neugierig in die Gegend oder prüfen, ob auf Facebook jemand ein Bild hochgeladen hat.

Kurz vor 3 Uhr verlasse ich mit Nayte das “The Brink”, das für mich ein voller Erfolg war. Natürlich fährt er mich zu meinem Auto zurück, das noch bei “The Abbey” steht. Und nach diesem Abend mit Nayte fällt mir plötzlich ein, mit wem ich ihn den gesamten Abend verglichen habe: mit Brian Kinney aus “Queer As Folk”: sexy, charmant, direkt, intelligent, erfolgreich, auf den ersten Blick unnahbar, auf den zweiten jedoch nicht.

Danke für den Einblick in Deine Partywelt, Nayte.